Birnbaum/Warthe. Carl Busse. Julian Will. Aus vergangenen Tagen. Birnbaum 1939-45. [Herausgegeben von Margarethe BECKER, Gerhard BUCHWALD, Käte HENNING, Stefan WINIECKI, Friedberg/H.], 1969.

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54.

Die Pferde stehen im Zug bereit - es wartet der Knecht, der getreue. Zehn Menschen im Wagen - schon weiß - Der Atem der Münder gefriert zu Eis, Und ich steh noch, als ob mich's gereue.

Da hält mich des Mannes Arm umspannt - Er weiß um alle Gefahren. Ich bleibe hier bis zur letzten Stund. Reich mir noch einmal deinen Mund - Es mög euch der Herrgott bewahren.

 

Im Treck

Wir sehen den Weg von uns nicht mehr - so stäubt der Schnee. Nun fahren wir seit Tag und Nacht - reglos und starr von Kälte. Nur inmitten der Brust da glüht ein Schmerz - Es ist wohl das gejagte, wehrlose Herz, Das da bangt, daß das Leben der Kinder vergeh.

Wir sind ohne Dach. Sie liegen zwischen Kisten und Kästen zugedeckt. Alles ist weiß. Man sieht kein Gesicht - leis ruf ich sie an - Vom vordersten Wagen legten sie gestern das Jüngste hinab - In einem fremden Dorf - bekommt doch ein christliches Grab. Die Mutter durfte nicht warten - es wurde weiter getreckt.

Die Telegraphenmasten surren - hie und da knarrt ein Rad - und die Stute schnaubt. Sie sagen, die Panzer seien dicht hinter uns - nun hält uns Angst umkrallt. Wir finden keine Kraft zum Gebete - Wir sind Blätter, die der Wind verwehte - Wir fahren ins Nichts, der sicheren Heimstatt beraubt.

Kein Stern am nächtlichen Himmel - nur weiße Düsternis überall. Kein Mensch, der uns fragt. Es ist, als seien wir vom Aussatz befallen. Sahen wir am Weg auch nur eine helfende Hand - ? Wo sind wir denn ? - Doch im eigenen Land - ! O, daß uns einer erlöse von dieser Qual !

Der Treckführer watet schweigend die Wagen entlang. Sein junges Weib liegt seit Tagen schon in den Wehen - Aber sie sagt, sie wolle lieber verderben Wie fremd in einem fremden Krankenhaus sterben. War eine Frau, die fürs Leben gern lachte und sang.

Mählich dämmert es - Die beiden Wallache schlafen im Schritt. Jäh schrecken sie auf - hinter uns fiel ein Schuß. Ach, könnte ich doch die Decke über den Kindern heben Und sehen, ob sie noch atmen und leben - Ich weiß, der Tod - der Tod reitet mit.

 

In der Fremde

Still gehen wir von Haus zu Haus - von Tür zu Tür um Nachtquartier. Den Blick der Pferde - ich kann ihn nicht sehen - Dueses stumme, hilflose, leidende Flehn - Ich sag es dem Bauern - der doch lacht, Und die offene Stalltür wird zugemacht. Heute begriff ich zum erstenmal den Haß der Armen - ihre wehrlose Qual.

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